Die Hauptstadt Taipeh ist eine der aufregendsten Metropolen Südostasiens:
eine Stadt mit einem beeindruckenden Zusammenspiel aus wirtschaftlichem
Aufschwung und fernöstlicher Kultur und Lebensart.
Von ihren Bewohnern wird die 2,7 Millionen. Stadt Affäre
zwischen Mann und Frau genannt. So beschreiben sie liebevoll die
Gegensätze und das Nebeneinander von hochtechnisierter Kultur und
traditioneller chinesischer Lebensart. In der Innenstadt Taipehs drängen
sich verglaste, chromblitzende Bürohochhäuser, elegante Geschäftsstraßen
mit westlichen Läden und grellen Neonreklamen in chinesischen Schriftzeichen.
Dicht daneben alte chinesische Quartiere mit ihren Nachtmärkten,
Wohnvierteln, Läden, Garküchen und kleinen Gartenanlagen mit
Tempeln, in denen sich modisch gekleidete junge Menschen mit Räucherstäbchen
vor dem Altar verneigen. Hier wimmelt es nur so von taoistischen, konfuzianischen
und buddhistischen Tempeln, die zugleich auch Orakelplätze sind.
Es gibt Götter für alle Lebenslagen: den guten Geschäftsabschluss,
die Sicherheit im Verkehr, für Examens- oder Eheglück, gutes
Wasser, gute Ernten, gute Heimkehr. Und vor allem sind sie Orte der
Ruhe und Besinnlichkeit, denn Bewegung und Schnelligkeit sind in Taipeh
Normalität.
So auch im höchsten Gebäude der Welt.
Wie eine Himmelssonde ragt der 508 Meter hohe Turm von Taipeh in die
Wolken. Er ähnelt mit seinen acht Segmente aus je acht Stockwerken
einem Bambus und ist streng nach den Regeln des Fengshui konzipiert:
Taipeh 101 ist so gebaut (unter anderem mit einer 660 Tonnen schweren,
hängenden Stahlkugel als Dämpfer), dass es bei schweren Erdbeben
zwar schwankt, aber nicht bricht - eben wie ein Bambusrohr im Wind.
Um sicher zu gehen, dass in den Räumen von Taipeh 101 die Lebenskraft,
das Chi, ungestört fließen kann, haben die Bauherren den
bekanntesten Fengshui-Meister Taiwans konsultiert. Dieser sorgte dafür,
dass die Türen im Wolkenkratzer an den richtigen Stellen sind,
dass Materialien und Farben stimmen und der Turm im harmonischen Einklang
mit seiner Umgebung steht. Denn niemand würde auf Taiwan in Häuser
ziehen wollen, in denen Regeln wie diese außer Acht gelassen werden.
10.000 Menschen arbeiten im Gebäude und Tausende Besucher staunen
täglich über das Bauwerk der Superlative. Die schnellsten
Aufzüge der Welt, zum Teil doppelstöckig, bringen Touristen
in weniger als 40 Sekunden vom Erdgeschoss auf die Aussichtsplattform
im 89. Stock.
Für
Julia Han-Li Meng ist der Wolkenkratzer "Taipeh 101" inzwischen
ein zweites Zuhause geworden. Sie fährt täglich eine Stunde
lang mit dem Bus aus einem Vorort in das Bankenviertel Hsinyi im Nordosten
der Hauptstadt Taiwans. Die 45-Jährige ist seit vier Jahren Gebäudemanagerin
und damit zuständig für vieles, was in den 101 Stockwerken
des "Taipeh 101" passiert. Ob Sturm- oder Erdbebenwarnungen,
verirrte Touristen, undichte Klimaanlagen, Stromausfälle - nichts
geschieht, ohne dass sie davon weiß und sich darum kümmern
muss. Julia Han-Li Meng kennt fast jeden Winkel des Wolkenkratzers und
muss ständig erreichbar sein, selbst in ihrer Freizeit.
Zurzeit scheint sich wieder ein schwerer Sturm vor Taiwan aufzubauen.
Zwar hält die Konstruktion des Hochhauses Taifunen bis zu einer
Geschwindigkeit von 300 Kilometern pro Stunde sicher stand. Bisher trotzte
es auch den Erdbeben, die durch die nur 200 Meter vom "Taipeh 101"
entfernt verlaufende Bruchlinie der Erdkruste, die sogenannte Taipeh-Verwerfung,
ausgelöst werden. Trotzdem will Julia Han-Li Meng jetzt jeden Raum
im Gebäude mit einem Überlebenspaket ausstatten, einem Rucksack
mit wichtigen Notfall-Utensilien.
Über Notfälle und Vorsorge machen sich andere Mitarbeiter
im "Taipeh 101" kaum Gedanken. Ob der Computer-Programmierer
Louis Yung Chieh Lo aus der 84. Etage, Angel Wang von der Teebar im
Erdgeschoss oder der Steuerfachmann Wayne Wei Hung aus dem 64. Stock
- sie alle sind stolz auf ihren Arbeitsplatz in diesem weltberühmten
Bauwerk - dem Wolkenkratzer "Taipeh 101" - das Wunder von
Taiwan, das bis vor kurzem noch das höchste Gebäude der Welt
war.