Drehbericht von Matthias Heeder
Was
für ein schönes Bild. Dachten wir jedenfalls. Von dem ebenerdigen
Wohnzimmer aus blicken wir durch eine geöffnete Flügeltür
auf das regennasse Pflaster des Innenhofes, das im Licht vereinzelter
Sonnenstrahlen matt aufscheint. Um diesen Blick zu verstärken
und dem Bild mehr Tiefe zu geben, schließt mein Kameramann Roland
Wagner die rechte Türhälfte. Großer Fehler! Aufgeregt
springt der Ehemann unserer Protagonistin heran und reißt die
Tür wieder auf. Ob wir denn nicht wüssten, dass eine zur
Hälfte geschlossene Flügeltür den Nachbarn einen Todesfall
im Haus anzeigt? Wussten wir nicht! Genauso wenig wie wir wussten,
dass man in Taiwan seiner Freundin keinen Fächer schenkt, weil
das eine bevorstehende Trennung ankündigt. Man schenkt seinem
Vater auch keine Wanduhr, weil das ein Symbol für den bevorstehenden
Tod ist. Krankenhäuser haben keinen vierten Stock, weil die vier
eine Unglückszahl ist und niemals, unter keinen Umständen,
ein Buch in Gegenwart von Kartenspielern lesen, weil das bedeutet,
dass jemand viel Geld verlieren wird.
So
bewegten wir uns durch den chinesischen Alltag Taiwans wie durch ein
Minenfeld versteckter Symbole, unbekannter Bedeutungen und unausgesprochener
Voraussetzungen wobei wir noch das große Glück hatten,
nicht im Monat der Geister zu drehen, die einmal im Jahr aus der Unterwelt
kommen und sich unter die Lebenden mischen.
Natürlich
hatte ich im Vorfeld der Dreharbeiten über das Taipeh 101, bis
vor kurzem noch das höchste Gebäude der Welt, viel über
Taiwan gelesen, recherchiert und korrespondiert. Aber lesen ist das
eine, Alltagskultur das andere. Wie beispielsweise die Heerscharen
spargeldünner junger Frauen, die sich, von den Fantasien ihrer
Männer getrieben, regelmäßigen Hungerkuren unterziehen.
Oder diese merkwürdige Sitte, dass Englischlehrer ihren Schülern
englische Vornamen geben, die sie bis an das Ende ihrer Tage tragen
und auf ihre Visitenkarten drucken. So haben wir es denn in der Folge
mit Frank und Wayne und Julia zu tun und nicht etwa mit Yung Chieh,
Han-Li oder Shan-Yuan. Zugegeben, für den täglichen Umgang
mit unserer Protagonisten ist das schon hilfreich, hinterlässt
aber doch einen einen irritierenden Eindruck.
Von
diesen und anderen liebenswerten Eigenheiten abgesehen sind wir in
Taiwan auf überraschend freundliche, offene und unglaublich hilfsbereite
Menschen gestoßen. Überraschend deshalb, weil die westliche
Wahrnehmung des Asiaten ja gerne mit den überkommenen Klischees
des Verschlossenen, Undurchsichtigen und Abweisenden operiert. Aber
die Menschen, die uns hier begegneten und mit denen wir zusammen diesen
Film über das Taipeh 101 drehten, haben von alledem nichts. Im
Gegenteil wo findet man schon die Besitzerin einer kleinen
Suppenküche, die dem Kameramann einen Schemel auf die Straße
bringt, weil er in ihren Augen offensichtlich der einzige ist, der
arbeitet? Und kein Trinkgeld will? Oder Sicherheitskräfte, die
uns, ohne ihre Vorgesetzten zu fragen, am Sonntag auf das Dach eines
Hochhauses begleiten, weil wir unbedingt eine Totale des hypermodernen
Hochgeschwindigkeitszuges vor Stadtkulisse mit heranziehenden Gewitter
drehen müssen? Und keinen Tip annehmen wollen?
Aber
natürlich hat alles seine Grenzen. Und die sind spätestens
dort gezogen, wo der Sicherheitsbereich des Taipeh 101 beginnt, nach
9/11 praktisch alles innerhalb unseres Drehortes. Und so hatten wir
zwar eine Drehgenehmigung, aber plötzlich ein Problem. Drehen
in einem der super schnellen Fahrstühle? Sorry! Privatbereich!
Im einzigen Raucherzimmer im 35 Stock? Sorry, wird gerade renoviert!
Touristen auf der Aussichtsplattform im 86. Stock? Sorry, Aussichtsplattform
geschlossen! Das große Schwingungspendel, weltberühmt und
ein Muß? Sorry, Sicherheitsbereich! Das Geheimnis hinter den
vielen Sorrys, die uns Frank (!), unser Ansprechpartner
im 101, mit aufrichtig bekümmerter Mine vorträgt, heißt
Mike (!), ist sein Vorgesetzter und Herr über das Gebäude.
Irgendwie haben wir in dem monatelangen, überaus verschlungenen
Genehmigungsverfahren eine Etikette verletzt (Minenfeld!), was dazu
führt, dass Mike unauffällig boykottiert (um nicht sein
Gesicht zu verlieren), Frank mir eben diesen Sachverhalt nicht mitteilen
kann (ohne sein Gesicht zu verlieren), ich wiederum in dem zähen
Ringen um jede Einstellung nur über meine Aufnahmeleiterin/Übersetzerin
kommunizieren kann (die ebenfalls ein Gesicht zu verlieren hat, hatte
sie den Dreh doch organisiert und grünes Licht gegeben), so dass
ein unauflösliches Desaster drohte.
Die
Krise anderseits ist die Stunde des Teams, vorausgesetzt man hat das
Glück, mit einem wirklich guten Team unterwegs zu sein. Auf dem
Höhepunkt der Auseinandersetzung bemerkte Tonmann Ralf Richter
lakonisch: tape him! Und genau das taten wir auch. Der
Satz Interview mit Mike zauberte ein Lächeln auf
Franks angestrengtes Gesicht, Mike selbst entpuppte sich als alerter,
aber außerordentlich verbindlicher Mann, der seinerseits die
Abmachung einhielt. Von Stund' an öffneten sich Fahrstühle,
Aussichtsplattform, Raucherzimmer und die Herzen der Security, die
uns wie alte Bekannte durch die Sicherheitsschleusen made in
Germany bugsierten.
Welcome
to Taiwan.