360° - Die GEO-Reportage
Film Titel: "Taipeh 101 - Der Himmel über Taiwan"
Datum: 27.12.2008

 

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Drehbericht von Matthias Heeder

Was für ein schönes Bild. Dachten wir jedenfalls. Von dem ebenerdigen Wohnzimmer aus blicken wir durch eine geöffnete Flügeltür auf das regennasse Pflaster des Innenhofes, das im Licht vereinzelter Sonnenstrahlen matt aufscheint. Um diesen Blick zu verstärken und dem Bild mehr Tiefe zu geben, schließt mein Kameramann Roland Wagner die rechte Türhälfte. Großer Fehler! Aufgeregt springt der Ehemann unserer Protagonistin heran und reißt die Tür wieder auf. Ob wir denn nicht wüssten, dass eine zur Hälfte geschlossene Flügeltür den Nachbarn einen Todesfall im Haus anzeigt? Wussten wir nicht! Genauso wenig wie wir wussten, dass man in Taiwan seiner Freundin keinen Fächer schenkt, weil das eine bevorstehende Trennung ankündigt. Man schenkt seinem Vater auch keine Wanduhr, weil das ein Symbol für den bevorstehenden Tod ist. Krankenhäuser haben keinen vierten Stock, weil die vier eine Unglückszahl ist und niemals, unter keinen Umständen, ein Buch in Gegenwart von Kartenspielern lesen, weil das bedeutet, dass jemand viel Geld verlieren wird.
So bewegten wir uns durch den chinesischen Alltag Taiwans wie durch ein Minenfeld versteckter Symbole, unbekannter Bedeutungen und unausgesprochener Voraussetzungen – wobei wir noch das große Glück hatten, nicht im Monat der Geister zu drehen, die einmal im Jahr aus der Unterwelt kommen und sich unter die Lebenden mischen.
Natürlich hatte ich im Vorfeld der Dreharbeiten über das Taipeh 101, bis vor kurzem noch das höchste Gebäude der Welt, viel über Taiwan gelesen, recherchiert und korrespondiert. Aber lesen ist das eine, Alltagskultur das andere. Wie beispielsweise die Heerscharen spargeldünner junger Frauen, die sich, von den Fantasien ihrer Männer getrieben, regelmäßigen Hungerkuren unterziehen. Oder diese merkwürdige Sitte, dass Englischlehrer ihren Schülern englische Vornamen geben, die sie bis an das Ende ihrer Tage tragen und auf ihre Visitenkarten drucken. So haben wir es denn in der Folge mit Frank und Wayne und Julia zu tun und nicht etwa mit Yung Chieh, Han-Li oder Shan-Yuan. Zugegeben, für den täglichen Umgang mit unserer Protagonisten ist das schon hilfreich, hinterlässt aber doch einen einen irritierenden Eindruck.
Von diesen und anderen liebenswerten Eigenheiten abgesehen sind wir in Taiwan auf überraschend freundliche, offene und unglaublich hilfsbereite Menschen gestoßen. Überraschend deshalb, weil die westliche Wahrnehmung des Asiaten ja gerne mit den überkommenen Klischees des Verschlossenen, Undurchsichtigen und Abweisenden operiert. Aber die Menschen, die uns hier begegneten und mit denen wir zusammen diesen Film über das Taipeh 101 drehten, haben von alledem nichts. Im Gegenteil – wo findet man schon die Besitzerin einer kleinen Suppenküche, die dem Kameramann einen Schemel auf die Straße bringt, weil er in ihren Augen offensichtlich der einzige ist, der arbeitet? Und kein Trinkgeld will? Oder Sicherheitskräfte, die uns, ohne ihre Vorgesetzten zu fragen, am Sonntag auf das Dach eines Hochhauses begleiten, weil wir unbedingt eine Totale des hypermodernen Hochgeschwindigkeitszuges vor Stadtkulisse mit heranziehenden Gewitter drehen müssen? Und keinen Tip annehmen wollen?
Aber natürlich hat alles seine Grenzen. Und die sind spätestens dort gezogen, wo der Sicherheitsbereich des Taipeh 101 beginnt, nach 9/11 praktisch alles innerhalb unseres Drehortes. Und so hatten wir zwar eine Drehgenehmigung, aber plötzlich ein Problem. Drehen in einem der super schnellen Fahrstühle? Sorry! Privatbereich! Im einzigen Raucherzimmer im 35 Stock? Sorry, wird gerade renoviert! Touristen auf der Aussichtsplattform im 86. Stock? Sorry, Aussichtsplattform geschlossen! Das große Schwingungspendel, weltberühmt und ein Muß? Sorry, Sicherheitsbereich! Das Geheimnis hinter den vielen „Sorrys“, die uns Frank (!), unser Ansprechpartner im 101, mit aufrichtig bekümmerter Mine vorträgt, heißt Mike (!), ist sein Vorgesetzter und Herr über das Gebäude. Irgendwie haben wir in dem monatelangen, überaus verschlungenen Genehmigungsverfahren eine Etikette verletzt (Minenfeld!), was dazu führt, dass Mike unauffällig boykottiert (um nicht sein Gesicht zu verlieren), Frank mir eben diesen Sachverhalt nicht mitteilen kann (ohne sein Gesicht zu verlieren), ich wiederum in dem zähen Ringen um jede Einstellung nur über meine Aufnahmeleiterin/Übersetzerin kommunizieren kann (die ebenfalls ein Gesicht zu verlieren hat, hatte sie den Dreh doch organisiert und grünes Licht gegeben), so dass ein unauflösliches Desaster drohte.
Die Krise anderseits ist die Stunde des Teams, vorausgesetzt man hat das Glück, mit einem wirklich guten Team unterwegs zu sein. Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung bemerkte Tonmann Ralf Richter lakonisch: „tape him!“ Und genau das taten wir auch. Der Satz „Interview mit Mike“ zauberte ein Lächeln auf Franks angestrengtes Gesicht, Mike selbst entpuppte sich als alerter, aber außerordentlich verbindlicher Mann, der seinerseits die Abmachung einhielt. Von Stund' an öffneten sich Fahrstühle, Aussichtsplattform, Raucherzimmer und die Herzen der Security, die uns wie alte Bekannte durch die Sicherheitsschleusen „made in Germany“ bugsierten.
Welcome to Taiwan.

Geo-Reportage für Medienkontor