KLINIK, KEIME, KATASTROPHEN

Eine Dokumentation von
Monika Hielscher&Matthias Heeder
Länge: ca. 52 Minuten

 

 

>> Stabliste >> weitere Bilder

 
Unter dem Rasterelektronenmikroskop sieht er faszinierend aus – der Staphylokokkus aureus , übersetzt so viel wie „goldenes Traubenkügelchen“. Doch in Wahrheit ist sein Ableger MRSA (Methycillin resistenter Staphylokocus aureus) der gefährlichste Killer-Keim der Gegenwart, und sein Siegeszug um die Welt scheint unaufhaltsam.
Die Dokumentation folgt den Spuren dieses unheimlichen Erregers, die uns zunächst in die USA – neben Japan und Großbritannien das Land mit der höchsten MRSA Durchseuchung – über die Schweinemastställe Hollands bis in die Krankenhäuser und Labore deutscher Bakteriologen führt.
Ausgangspunkt bildet der Fall des jungen Amerikaners Ashton Bonds aus Bedford Virginia. Als der 17-Jährige am 10.Oktober 2007 in die Notaufnahme der Bedford-Memorial-Klinik im US-Bundesstaat Virginia eingeliefert wurde, hatte er Symptome einer Blinddarmentzündung: Die rechte Bauchhälfte schmerzte, er klagte über Appetitlosigkeit, Brechreiz und Fieber. Die Ärzte konnten nichts finden. Sie schickten den Jungen nach Hause. Sechs Tage später war Ashton tot. Die Mediziner hatten ein kleines Furunkel an der Stirn des Schülers übersehen. Die Wunde war die Eintrittspforte für den Killer-Keim MRSA, die mit den bekannten Antibiotika nicht mehr zu bekämpfen war. Der junge Mann verfaulte bei lebendigen Leib.
Die „unheimliche fleischfressende Krankheit“, ausgelöst durch den caMRSA Erreger USA300, (ca steht für community aquired, d.h. in der Gemeinschaft übertragene MRSA Erreger) ist der spektakuläre Höhepunkt einer Entwicklung, der das teuerste Gesundheitssystem der Welt machtlos gegenübersteht: neben der zunehmenden MRSA Durchseuchung der Krankenhäuser breiteten sich die resistenten Keime ganz offensichtlich plötzlich mit rasanter Geschwindigkeit aus, wo sie vorher kaum eine Chance hatten – in der Allgemeinbevölkerung.
In diesem Zusammenhang berichtet Fred Tenover von den amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention, dass aus den Einzelfällen in den neunziger Jahren ein Massenphänomen wurde. 15 Prozent der Patienten mit MRSA infizierten sich außerhalb des Medizinbetriebes. Es waren Profisportler von Footballmannschaften, Gefängnisinsassen, Highschool-Studenten, Arme aus beengten und unhygienischen Wohnverhältnissen, Soldaten und Kinder in Horten. Mehr als zwei Drittel der Infektionen außerhalb der Kliniken gehen inzwischen auf das Konto von USA300, der mittlerweile in 41 von 50 amerikanischen Bundesstaaten vorgedrungen ist. Die Zahl der MRSA-Nachweise in Nasenschleimhäuten hat sich in nur zwei Jahren verdoppelt. Hunde, Katzen, ja auch Hasen stecken sich mittlerweile an und verbreiten ebenso wie Sportler und Kinder die Keime durch Hautkontakt.
Der Killer-Keim fühlt sich fast überall in der Natur wohl. Auch ohne Nahrung kann das Bakterium bis zu sieben Monate überleben. Er überdauert auf Wäsche oder Türklinken, Lichtschaltern, auf dem Fußboden oder auf der Bettkante. . Auch auf der Haut vieler Menschen fühlt er sich wohl. Die Betroffenen wissen davon oft nichts, denn bei Gesunden verursacht er keine Beschwerden. Jeder Dritte trägt ihn sogar in der Nase. Seine Stunde schlägt dann, wenn das Immunsystem angegriffen ist oder er einen Weg ins Körperinnere findet – etwa durch eine offene Wunde oder einen Katheter. Dann vermehrt sich der Keim explosionsartig und verursacht schlecht heilende Entzündungen, Hautgeschwüre, Furunkel, Lungenentzündungen, Harnweginfektionen und lebensgefährliche Blutvergiftungen. Die Entzündungen breiten sich im gesamten Körper aus und führen zu einem multiplen Organversagen – so wie im Fall Ashton Bonds.
Tatsächlich sehen sich Mediziner in den USA einer kaum noch beherrschbaren Infektionssituation gegenüber, die wir aus dem Zusammenhang von wachsender Antibiotikaresistenz durch falschen oder übertrieben Einsatz von Antibiotika, Verseuchung der Krankenhäuser durch mangelnde Hygiene und die Ausbreitung des “Superbugs“, des Supererregers ausserhalb der Kliniken durch Übertragung von Mensch zu Mensch und von Tier auf Mensch entwickelt.
Insbesondere die Übertragung von Tier auf Mensch ist eine neue Entwicklung. Hier folgt der Film den Ereignissen in Holland.
Die niederländische Schweinezüchterin Ine van den Heuvel aus Nistelrode hegte schon lange den Verdacht, dass sich ihre Familie im Tierstall immer wieder mit MRSA infizierte. Aufgefallen war die Infektion erstmals, als ein OP-Termin für ihre sechsjährige Tochter wegen einer MRSA-Diagnose um Wochen verschoben werden musste, damit die Patientin den gefährlichen Keim loswerden konnte. Dannach kam es innerhalb der Familie immer wieder zu neuen Infektionen. „Wir versuchten alles, um die Keime loszuwerden“, erzählt die dreifache Mutter. „Doch wir waren innerhalb kürzester Zeit wieder befallen.“

Dass sich Menschen in den Tierställen mit einem gegen zahlreiche Antibiotikaklassen resistenten Keim infizieren können, haben Wissenschaftler nunmehr bestätigt. Eine Untersuchung der niederländischen Lebensmittelkontrollbehörde VWA in Zusammenarbeit mit dem Reichsinstitut für Volksgesundheit und Umwelt RIVM ergab, dass 40 Prozent aller niederländischen Schweine Träger der MRSA-Bakterie ST398 sind. In den Niederlanden wurden nach der Entdeckung sofort Untersuchungen an Schweinehöfen vorgenommen. Nicht nur die Tiere, sondern auch die Bauern und ihre Familien wurden auf MRSA getestet. Bald war klar: Zwischen 40 und 70 Prozent der Schweine sind betroffen. Und fast immer, wenn die Schweine MRSA-Träger sind, ist der Keim auch bei den Bauern nachzuweisen.
Diese völlig neue Entwicklung jagt Hygieneärzten regelrechte Schauer über den Rücken. Die Sorge der Mediziner ist nun, dass sich der MRSA-Subtyp ST398 in den Tierställen unerkannt massiv ausbreiten und in Krankenhäusern verheerendes Unheil anrichten könnte. Nachdem der erste Schritt bereits vollzogen ist, beunruhigt die Ärzte, mit welcher Geschwindigkeit sich die Schweine-MRSA verbreitet. „Es handelt sich um ein völlig neues Phänomen“, erklärt Jan Kluytmans vom Amphiakrankenhaus in Breda. „Wir wissen lediglich, dass die Bakterie in den Jahren 2002 bis 2003 in die Ställe gelangte und diese jetzt vollständig verseucht sind.“
In einer Sondersendung im Fernsehen sowie zahlreichen Presseberichten klärten die Niederlande die Öffentlichkeit über die neue MRSA-Gefahr auf. Jeder, der mit Schweinen oder Rindern zu tun hat, gilt fortan als Risikopatient.
Lange Zeit haben die van den Heuvels mit sich gerungen, ob sie ihre eigene MRSA-Infektion sowie die in ihren Ställen öffentlich machen sollten. Sie befürchteten einen wirtschaftlichen Schaden. Zwar betonen Wissenschaftler immer wieder, dass der Konsum von MRSA-infizierten Schweinen kein akutes gesundheitliches Risiko darstelle. „Aber unser ohnehin schon angeschlagenes Image leidet weiter“, befürchtet Ine van den Heuvel. Inzwischen hat die Familie es aufgegeben, MRSA-frei werden zu wollen: „Dazu müssten wir unseren Betrieb schließen. Wir wissen nicht, wie wir die Bakterien sonst wieder aus unseren Ställen kriegen sollen.“
Den Deutschen Landwirten im Grenzgebiet entging nicht, dass ihre Kollegen auf der holländischen Seite als medizinische Risikogruppe gelten. Im Falle eines Krankenhausaufenthaltes werden sie umfassend auf MRSA gescreent und im Falle eines positiven Befundes auf eine Isolierstation gelegt. In Deutschland hielt man diese Vorsichtsmaßnahmen für nicht notwendig. Erst seit 2007 stellten Veterinärmediziner der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen, die die Lage in den Niederlanden verfolgt hatten, eigene Untersuchungen an. Etwa 40 nordrhein-westfälische Betriebe wurden untersucht. Der Anteil der Schweine, bei denen in dieser Stichprobe MRSA-Keime nachgewiesen wurde, lag zwischen 60 und 70 Prozent. Untersuchungen des Robert Koch-Instituts (RKI) bestätigen die Einschätzung: „Wir haben ST398 vereinzelt bei Schweinen, Hunden, Fohlen und tierärztlichem Personal entdeckt“, gesteht Wolfgang Witte, Mikrobiologe und Leiter des Nationalen Referenzzentrums für Staphylokokken in Wernigerode. Jan Kluytmans geht davon aus, dass ST398 inzwischen in ganz Europa grassiert. „Der Stamm findet sich überall – vorausgesetzt, man sucht ihn.“
Diese Haltung im Umgang mit MRSA – nach den Erregern zu suchen, anstatt auf Infektionen zu reagieren – unterscheidet die Niederlande grundsätzlich von den deutschen Behörden, und dies nicht nur hinsichtlich der Schweine MRSA.
Ausgehend vor der Ausbreitung der MRSA Erreger durch Kontakt mit Tieren und die entsprechenden Maßnahmen der Niederlande folgt die Dokumentation der Entwicklung in Deutschland und stellt eine positives Beispiel zur Eindämmung des Killer-Keims vor.
Zwei Aspekte stehen hierbei ifm Vordergrund: Kostendruck und Privatisierung im Gesundheitswesen, die zu Personaleinsparungen gerade im Hygienebereich führen, sowie das föderale System der Bundesrepublik, das die bundeseinheitliche Umsetzung von Massnahmen gegen die Verbreitung von MRSA verhindert.
In keinem anderen europäischen Land gab es in den vergangenen Jahren einen so rasanten MRSA-Anstieg wie in Deutschland. Auf manchen Intensivstationen liegt der MRSA-Anteil bereits bei über 50 Prozent: "Wir haben in den Kliniken ein infektiologisches Problem höchsten Ranges", warnt das Berliner Robert-Koch-Institut (RKI). Bereits rund 40 000 bis 50 000 Patienten infizieren sich jedes Jahr im Klinikbett oder auf dem OP-Tisch mit MRSA. Die Bakterien lösen meist Wund- oder Harnwegsinfektionen aus. In den schlimmsten Fällen führen sie zu lebensbedrohlichen Lungenentzündungen und Blutvergiftungen. Gefährdet sind vor allem Patienten auf chirurgischen Intensivstationen, in Abteilungen für Brandverletzte oder auf Neugeborenenstationen.
Nach Einschätzung des Robert-Koch-Instituts Berlin sterben jährlich schätzungsweise 1500 Klinikpatienten an den Folgen einer multiplen Infektion. Hygieniker schätzen die Zahl der Opfer durchaus weitaus höher ein, da wegen der fehlenden Meldepflicht nicht alle MRSA Todesfälle registriert werden.
Gewissenhafte Händedesinfektion des medizinischen Personals wäre das einfachste und sicherste Mittel, um die Erreger am Überspringen zu hindern. Um den Leitsatz – Hygiene ist teuer, keine Hygiene ist aber noch wesentlich teurer – scheren sich angesichts des Kostendruckes längst nicht mehr alle Kliniken, da eine beispiellose Privatisierungselle die deutsche Krankenhauslandschaft in den vergangenen Jahren verändert hat. Krankenhäuser in privater Trägerschaft kalkulieren auf den Cent. Da wird aus dem gesetzlich vorgeschriebenen hauptamtlichen Hygieniker (ab einer Bettenzahl von 450) ein kostengünstiger ehrenamtlicher. Und wenn eine Krankenschwester auf der Intensivstation zu viele Patienten versorgen muss, hat sie oft keine Zeit, sich zwischen zwei Kranken die Hände zu desinfizieren.
Und auch die Ärzte nehmen es mit der Sauberkeit nicht so genau. "In den vergangenen Jahren", sagt Klaus-Dieter Zastrow, Hygieniker und Umweltmediziner am Berliner Vivantes Klinikum Spandau, "sind bei uns keine neuen MRSA-Stämme vom Himmel gefallen. Die multiresistenten Keime, die schon da waren, sind durch hygienischen Schlendrian verbreitet worden."
Holland und die skandinavischen Länder exerzieren seit Jahren vor, wie man den Horrorkeimen Einhalt gebieten kann. MRSA-Patienten werden dort strikt isoliert. Ärzte und Pfleger betreten deren Zimmer nur mit Schutzkleidung, Gesichtsmasken und Einmalhandschuhen. MRSA-Träger unter dem Personal müssen zu Hause bleiben und Antibiotika schlucken, bis der Erreger nicht mehr nachweisbar ist.
Strategien und Konzepte werden angesichts der bedrohlichen Situation erarbeitet, allein das föderale System ist träge und die Umsetzung langwierig, denn Klinik ist nicht gleich Klinik – und Bundesland nicht gleich Bundesland. Was die Hygiene-Maßnahmen angeht, gibt es in Deutschland große Qualitätsunterschiede. "Während beispielsweise Nordrhein-Westfalen, Berlin, Sachsen und Bremen eine Krankenhaushygiene-Verordnung erlassen haben, gibt es solche Vorgaben in anderen Ländern nicht", berichtet Dr.Hans-Martin Wenchel, Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin am Universitätsklinikum Köln.
Ein weiteres Problem stellt die mangelnde Aufklärungsbereitschaft der Mediziner den Patienten gegenüber dar. Der Umgang vieler Klinikverantwortlicher, klagt der Patientenanwalt Burkhard Kirchhoff aus Weilburg an der Lahn, reiche "von Ignoranz bis zu bewusster Vertuschung": "Unter den Chefärzten herrscht ein Kartell des Schweigens: Jeder unter den Teppich gekehrte Fall ist ein guter Fall."
Doch die Strategie des Wegschauens wird riskanter, denn ob das Problem der multiresistenten Klinikkeime sichtbar wird, hängt vor allem auch davon ab, ob ein Krankenhaus gezielt nach MRSA-Trägern sucht. Wer keine Abstriche macht, findet auch erstmal keine MRSA und glaubt sich und seine Patienten sicher.
Nach Einschätzung der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) ist eine länderübergreifende, europaweite Zusammenarbeit die einzige Chance, den Wettlauf mit den Killerkeimen zu gewinnen. International führend auf diesem Gebiet sind Dänemark und die Niederlande. Die holländischen Nachbarn haben in Sachen Patienten Screening und Hygienevorschriften hohe Standards und eine entsprechend geringe MRSA-Quote. Hier setzt das deutsch-niederländische Projekt "MRSA-net Twente/Münsterland" zur MRSA-Bekämpfung an, das international als vorbildlich gilt. Das Projekt setzt auf Weiterbildung (in Sachen Hygiene) des Krankenhauspersonals sowie auf Aufklärung der Öffentlichkeit.

 

<< Zurück