Unter
dem Rasterelektronenmikroskop sieht er faszinierend aus der Staphylokokkus
aureus , übersetzt so viel wie goldenes Traubenkügelchen.
Doch in Wahrheit ist sein Ableger MRSA (Methycillin resistenter Staphylokocus
aureus) der gefährlichste Killer-Keim der Gegenwart, und sein Siegeszug
um die Welt scheint unaufhaltsam.
Die Dokumentation folgt den Spuren dieses unheimlichen Erregers, die
uns zunächst in die USA neben Japan und Großbritannien
das Land mit der höchsten MRSA Durchseuchung über die
Schweinemastställe Hollands bis in die Krankenhäuser und Labore
deutscher Bakteriologen führt.
Ausgangspunkt bildet der Fall des jungen Amerikaners Ashton Bonds aus
Bedford Virginia. Als der 17-Jährige am 10.Oktober 2007 in die
Notaufnahme der Bedford-Memorial-Klinik im US-Bundesstaat Virginia eingeliefert
wurde, hatte er Symptome einer Blinddarmentzündung: Die rechte
Bauchhälfte schmerzte, er klagte über Appetitlosigkeit, Brechreiz
und Fieber. Die Ärzte konnten nichts finden. Sie schickten den
Jungen nach Hause. Sechs Tage später war Ashton tot. Die Mediziner
hatten ein kleines Furunkel an der Stirn des Schülers übersehen.
Die Wunde war die Eintrittspforte für den Killer-Keim MRSA, die
mit den bekannten Antibiotika nicht mehr zu bekämpfen war. Der
junge Mann verfaulte bei lebendigen Leib.
Die unheimliche fleischfressende Krankheit, ausgelöst
durch den caMRSA Erreger USA300, (ca steht für community aquired,
d.h. in der Gemeinschaft übertragene MRSA Erreger) ist der spektakuläre
Höhepunkt einer Entwicklung, der das teuerste Gesundheitssystem
der Welt machtlos gegenübersteht: neben der zunehmenden MRSA Durchseuchung
der Krankenhäuser breiteten sich die resistenten Keime ganz offensichtlich
plötzlich mit rasanter Geschwindigkeit aus, wo sie vorher kaum
eine Chance hatten in der Allgemeinbevölkerung.
In diesem Zusammenhang berichtet Fred Tenover von den amerikanischen
Centers for Disease Control and Prevention, dass aus den Einzelfällen
in den neunziger Jahren ein Massenphänomen wurde. 15 Prozent der
Patienten mit MRSA infizierten sich außerhalb des Medizinbetriebes.
Es waren Profisportler von Footballmannschaften, Gefängnisinsassen,
Highschool-Studenten, Arme aus beengten und unhygienischen Wohnverhältnissen,
Soldaten und Kinder in Horten. Mehr als zwei Drittel der Infektionen
außerhalb der Kliniken gehen inzwischen auf das Konto von USA300,
der mittlerweile in 41 von 50 amerikanischen Bundesstaaten vorgedrungen
ist. Die Zahl der MRSA-Nachweise in Nasenschleimhäuten hat sich
in nur zwei Jahren verdoppelt. Hunde, Katzen, ja auch Hasen stecken
sich mittlerweile an und verbreiten ebenso wie Sportler und Kinder die
Keime durch Hautkontakt.
Der Killer-Keim fühlt sich fast überall in der Natur wohl.
Auch ohne Nahrung kann das Bakterium bis zu sieben Monate überleben.
Er überdauert auf Wäsche oder Türklinken, Lichtschaltern,
auf dem Fußboden oder auf der Bettkante. . Auch auf der Haut vieler
Menschen fühlt er sich wohl. Die Betroffenen wissen davon oft nichts,
denn bei Gesunden verursacht er keine Beschwerden. Jeder Dritte trägt
ihn sogar in der Nase. Seine Stunde schlägt dann, wenn das Immunsystem
angegriffen ist oder er einen Weg ins Körperinnere findet
etwa durch eine offene Wunde oder einen Katheter. Dann vermehrt sich
der Keim explosionsartig und verursacht schlecht heilende Entzündungen,
Hautgeschwüre, Furunkel, Lungenentzündungen, Harnweginfektionen
und lebensgefährliche Blutvergiftungen. Die Entzündungen breiten
sich im gesamten Körper aus und führen zu einem multiplen
Organversagen so wie im Fall Ashton Bonds.
Tatsächlich sehen sich Mediziner in den USA einer kaum noch beherrschbaren
Infektionssituation gegenüber, die wir aus dem Zusammenhang von
wachsender Antibiotikaresistenz durch falschen oder übertrieben
Einsatz von Antibiotika, Verseuchung der Krankenhäuser durch mangelnde
Hygiene und die Ausbreitung des Superbugs, des Supererregers
ausserhalb der Kliniken durch Übertragung von Mensch zu Mensch
und von Tier auf Mensch entwickelt.
Insbesondere die Übertragung von Tier auf Mensch ist eine neue
Entwicklung. Hier folgt der Film den Ereignissen in Holland.
Die niederländische Schweinezüchterin Ine van den Heuvel aus
Nistelrode hegte schon lange den Verdacht, dass sich ihre Familie im
Tierstall immer wieder mit MRSA infizierte. Aufgefallen war die Infektion
erstmals, als ein OP-Termin für ihre sechsjährige Tochter
wegen einer MRSA-Diagnose um Wochen verschoben werden musste, damit
die Patientin den gefährlichen Keim loswerden konnte. Dannach kam
es innerhalb der Familie immer wieder zu neuen Infektionen. Wir
versuchten alles, um die Keime loszuwerden, erzählt die dreifache
Mutter. Doch wir waren innerhalb kürzester Zeit wieder befallen.
Dass
sich Menschen in den Tierställen mit einem gegen zahlreiche Antibiotikaklassen
resistenten Keim infizieren können, haben Wissenschaftler nunmehr
bestätigt. Eine Untersuchung der niederländischen Lebensmittelkontrollbehörde
VWA in Zusammenarbeit mit dem Reichsinstitut für Volksgesundheit
und Umwelt RIVM ergab, dass 40 Prozent aller niederländischen
Schweine Träger der MRSA-Bakterie ST398 sind. In den Niederlanden
wurden nach der Entdeckung sofort Untersuchungen an Schweinehöfen
vorgenommen. Nicht nur die Tiere, sondern auch die Bauern und ihre
Familien wurden auf MRSA getestet. Bald war klar: Zwischen 40 und
70 Prozent der Schweine sind betroffen. Und fast immer, wenn die Schweine
MRSA-Träger sind, ist der Keim auch bei den Bauern nachzuweisen.
Diese völlig neue Entwicklung jagt Hygieneärzten regelrechte
Schauer über den Rücken. Die Sorge der Mediziner ist nun,
dass sich der MRSA-Subtyp ST398 in den Tierställen unerkannt
massiv ausbreiten und in Krankenhäusern verheerendes Unheil anrichten
könnte. Nachdem der erste Schritt bereits vollzogen ist, beunruhigt
die Ärzte, mit welcher Geschwindigkeit sich die Schweine-MRSA
verbreitet. Es handelt sich um ein völlig neues Phänomen,
erklärt Jan Kluytmans vom Amphiakrankenhaus in Breda. Wir
wissen lediglich, dass die Bakterie in den Jahren 2002 bis 2003 in
die Ställe gelangte und diese jetzt vollständig verseucht
sind.
In einer Sondersendung im Fernsehen sowie zahlreichen Presseberichten
klärten die Niederlande die Öffentlichkeit über die
neue MRSA-Gefahr auf. Jeder, der mit Schweinen oder Rindern zu tun
hat, gilt fortan als Risikopatient.
Lange Zeit haben die van den Heuvels mit sich gerungen, ob sie ihre
eigene MRSA-Infektion sowie die in ihren Ställen öffentlich
machen sollten. Sie befürchteten einen wirtschaftlichen Schaden.
Zwar betonen Wissenschaftler immer wieder, dass der Konsum von MRSA-infizierten
Schweinen kein akutes gesundheitliches Risiko darstelle. Aber
unser ohnehin schon angeschlagenes Image leidet weiter, befürchtet
Ine van den Heuvel. Inzwischen hat die Familie es aufgegeben, MRSA-frei
werden zu wollen: Dazu müssten wir unseren Betrieb schließen.
Wir wissen nicht, wie wir die Bakterien sonst wieder aus unseren Ställen
kriegen sollen.
Den Deutschen Landwirten im Grenzgebiet entging nicht, dass ihre Kollegen
auf der holländischen Seite als medizinische Risikogruppe gelten.
Im Falle eines Krankenhausaufenthaltes werden sie umfassend auf MRSA
gescreent und im Falle eines positiven Befundes auf eine Isolierstation
gelegt. In Deutschland hielt man diese Vorsichtsmaßnahmen für
nicht notwendig. Erst seit 2007 stellten Veterinärmediziner der
Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen, die die Lage in den Niederlanden
verfolgt hatten, eigene Untersuchungen an. Etwa 40 nordrhein-westfälische
Betriebe wurden untersucht. Der Anteil der Schweine, bei denen in
dieser Stichprobe MRSA-Keime nachgewiesen wurde, lag zwischen 60 und
70 Prozent. Untersuchungen des Robert Koch-Instituts (RKI) bestätigen
die Einschätzung: Wir haben ST398 vereinzelt bei Schweinen,
Hunden, Fohlen und tierärztlichem Personal entdeckt, gesteht
Wolfgang Witte, Mikrobiologe und Leiter des Nationalen Referenzzentrums
für Staphylokokken in Wernigerode. Jan Kluytmans geht davon aus,
dass ST398 inzwischen in ganz Europa grassiert. Der Stamm findet
sich überall vorausgesetzt, man sucht ihn.
Diese Haltung im Umgang mit MRSA nach den Erregern zu suchen,
anstatt auf Infektionen zu reagieren unterscheidet die Niederlande
grundsätzlich von den deutschen Behörden, und dies nicht
nur hinsichtlich der Schweine MRSA.
Ausgehend vor der Ausbreitung der MRSA Erreger durch Kontakt mit Tieren
und die entsprechenden Maßnahmen der Niederlande folgt die Dokumentation
der Entwicklung in Deutschland und stellt eine positives Beispiel
zur Eindämmung des Killer-Keims vor.
Zwei Aspekte stehen hierbei ifm Vordergrund: Kostendruck und Privatisierung
im Gesundheitswesen, die zu Personaleinsparungen gerade im Hygienebereich
führen, sowie das föderale System der Bundesrepublik, das
die bundeseinheitliche Umsetzung von Massnahmen gegen die Verbreitung
von MRSA verhindert.
In keinem anderen europäischen Land gab es in den vergangenen
Jahren einen so rasanten MRSA-Anstieg wie in Deutschland. Auf manchen
Intensivstationen liegt der MRSA-Anteil bereits bei über 50 Prozent:
"Wir haben in den Kliniken ein infektiologisches Problem höchsten
Ranges", warnt das Berliner Robert-Koch-Institut (RKI). Bereits
rund 40 000 bis 50 000 Patienten infizieren sich jedes Jahr im Klinikbett
oder auf dem OP-Tisch mit MRSA. Die Bakterien lösen meist Wund-
oder Harnwegsinfektionen aus. In den schlimmsten Fällen führen
sie zu lebensbedrohlichen Lungenentzündungen und Blutvergiftungen.
Gefährdet sind vor allem Patienten auf chirurgischen Intensivstationen,
in Abteilungen für Brandverletzte oder auf Neugeborenenstationen.
Nach Einschätzung des Robert-Koch-Instituts Berlin sterben jährlich
schätzungsweise 1500 Klinikpatienten an den Folgen einer multiplen
Infektion. Hygieniker schätzen die Zahl der Opfer durchaus weitaus
höher ein, da wegen der fehlenden Meldepflicht nicht alle MRSA
Todesfälle registriert werden.
Gewissenhafte Händedesinfektion des medizinischen Personals wäre
das einfachste und sicherste Mittel, um die Erreger am Überspringen
zu hindern. Um den Leitsatz Hygiene ist teuer, keine Hygiene
ist aber noch wesentlich teurer scheren sich angesichts des
Kostendruckes längst nicht mehr alle Kliniken, da eine beispiellose
Privatisierungselle die deutsche Krankenhauslandschaft in den vergangenen
Jahren verändert hat. Krankenhäuser in privater Trägerschaft
kalkulieren auf den Cent. Da wird aus dem gesetzlich vorgeschriebenen
hauptamtlichen Hygieniker (ab einer Bettenzahl von 450) ein kostengünstiger
ehrenamtlicher. Und wenn eine Krankenschwester auf der Intensivstation
zu viele Patienten versorgen muss, hat sie oft keine Zeit, sich zwischen
zwei Kranken die Hände zu desinfizieren.
Und auch die Ärzte nehmen es mit der Sauberkeit nicht so genau.
"In den vergangenen Jahren", sagt Klaus-Dieter Zastrow,
Hygieniker und Umweltmediziner am Berliner Vivantes Klinikum Spandau,
"sind bei uns keine neuen MRSA-Stämme vom Himmel gefallen.
Die multiresistenten Keime, die schon da waren, sind durch hygienischen
Schlendrian verbreitet worden."
Holland und die skandinavischen Länder exerzieren seit Jahren
vor, wie man den Horrorkeimen Einhalt gebieten kann. MRSA-Patienten
werden dort strikt isoliert. Ärzte und Pfleger betreten deren
Zimmer nur mit Schutzkleidung, Gesichtsmasken und Einmalhandschuhen.
MRSA-Träger unter dem Personal müssen zu Hause bleiben und
Antibiotika schlucken, bis der Erreger nicht mehr nachweisbar ist.
Strategien und Konzepte werden angesichts der bedrohlichen Situation
erarbeitet, allein das föderale System ist träge und die
Umsetzung langwierig, denn Klinik ist nicht gleich Klinik und
Bundesland nicht gleich Bundesland. Was die Hygiene-Maßnahmen
angeht, gibt es in Deutschland große Qualitätsunterschiede.
"Während beispielsweise Nordrhein-Westfalen, Berlin, Sachsen
und Bremen eine Krankenhaushygiene-Verordnung erlassen haben, gibt
es solche Vorgaben in anderen Ländern nicht", berichtet
Dr.Hans-Martin Wenchel, Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin
am Universitätsklinikum Köln.
Ein weiteres Problem stellt die mangelnde Aufklärungsbereitschaft
der Mediziner den Patienten gegenüber dar. Der Umgang vieler
Klinikverantwortlicher, klagt der Patientenanwalt Burkhard Kirchhoff
aus Weilburg an der Lahn, reiche "von Ignoranz bis zu bewusster
Vertuschung": "Unter den Chefärzten herrscht ein Kartell
des Schweigens: Jeder unter den Teppich gekehrte Fall ist ein guter
Fall."
Doch die Strategie des Wegschauens wird riskanter, denn ob das Problem
der multiresistenten Klinikkeime sichtbar wird, hängt vor allem
auch davon ab, ob ein Krankenhaus gezielt nach MRSA-Trägern sucht.
Wer keine Abstriche macht, findet auch erstmal keine MRSA und glaubt
sich und seine Patienten sicher.
Nach Einschätzung der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene
(DGKH) ist eine länderübergreifende, europaweite Zusammenarbeit
die einzige Chance, den Wettlauf mit den Killerkeimen zu gewinnen.
International führend auf diesem Gebiet sind Dänemark und
die Niederlande. Die holländischen Nachbarn haben in Sachen Patienten
Screening und Hygienevorschriften hohe Standards und eine entsprechend
geringe MRSA-Quote. Hier setzt das deutsch-niederländische Projekt
"MRSA-net Twente/Münsterland" zur MRSA-Bekämpfung
an, das international als vorbildlich gilt. Das Projekt setzt auf
Weiterbildung (in Sachen Hygiene) des Krankenhauspersonals sowie auf
Aufklärung der Öffentlichkeit.
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